Atlanta neben dir

03/17/2021

Ohnmacht. Sprachlosigkeit. Resignation.
Mein tiefstes Beileid mit den Angehörigen.
Wieder wurden POC von weißen umgebracht. Wieder ein rassistisch motivierter Anschlag.
Wieder einmal müssen Betroffene die meiste Arbeit stemmen, wieder müssen Betroffene sich selbst trösten, sich verteidigen und haben wenig Zeit, zu trauern. Denn die Zahl der rassistisch motivierten Taten, sei es in den USA oder in Deutschland, steigt und steig. Schlag auf Schlag.

Während die weisse Polizei in den USA vor laufenden Kameras erklärt, der Täter hätte “einen schlechten Tag” gehabt. Ohnmacht, weil das ein Zyklus ist, der ununterbrochen weiterläuft. Ich habe mir einen Video-Ausschnitt angehört. Es ist zum Schreien, wenn ich noch eine Stimme hätte.
Ich habe das Gefühl, man ist als asiatisch gelesener Mensch auch im Tode noch unsichtbar. Wo sind die Namen der Opfer? Warum sieht man nur das milchige Gesicht des Täters, den man einen “schlechten Tag” bescheinigt?

Es trifft mich, weil es Menschen sind, die meine Familie hätten sein können. Ich habe Familie in den USA, meine Großcousine lebt mit ihrer Familie in Kalifornien, wir haben sporadisch Kontakt durch WhatsApp, weil ihr Mann Musiker ist, genau wie ich (damals). Das erste, was ich getan habe, war, mich bei ihr zu melden.

Wie geht es dir?

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie ich diese Diskussion, diese Fragen in meinem weissen Freundeskreis stellen könnte. Ich habe auch nicht mit meinen weissen Freunden darüber gesprochen.
Wie fängt man Diskussionen über anti-asiatischen Rassismus an, wenn scheinbar niemand – ausser den Betroffenen – einen ernst nimmt?

Ich bin so sprachlos.
Meine Großcousine meinte zu mir: Hattet ihr nicht den rassistischen Radiobeitrag? Sowas haben wir hier jeden Tag.
Sie hat jeden Tag Angst um ihr Kind und denkt daran, mit ihrem Mann nach Korea auszuwandern, weil sie den Hass nicht länger erträgt. In Korea fällt sie wenigstens nicht auf. Dass es schlimm in den USA ist, dachte ich mir – aber ich habe noch nie so lange mit meiner Großcousine darüber gesprochen – dafür schäme ich mich, weil auch für mich, als Betroffene in Deutschland es eigentlich hätte besser wissen müssen.

Aber das Tempo, in dem diese Aggressionen in den USA und in Deutschland passieren, nimmt immer mehr zu. In Deutschland, wo neben dem viralen rassistischen Ausfall von Bayern 3 noch Sonneborn, die heute Show, Eckhart, Böhmermann und weitere deutsche Promis mit anti-asiatischen Stereotypen von sich Reden machen (Anmerkung: nur Böhmermann hat sich für seine Aussagen entschuldigt) entsteht gerade der Nährboden für diese Gewaltverbrechen, die wir in den USA sehen. Meine Großcousine meinte “Sowas haben wir hier jeden Tag.” Und sie meint damit tägliche Beschimpfungen, Radiobeiträge, Witze im Fernsehen und einen Ex-Präsidenten, der mit Genuss Menschen mit einem tödlichen Virus vergleicht.

Ich habe mich über den Fall übrigens in den US-Medien und in koreanischen Zeitungen informiert. Deutsche Beiträge, wenn es überhaupt welche gab, lasen sich, als hätte ein AI-betriebener Bot sie geschrieben. Kaum Fakten, kaum eine Fußnote wert.

Warum werden Täter mit Samthandschuhen angefasst? Wenn alle Opfer PoC sind, ist das allererste, was klar ist, der rassistisch motivierte Hintergrund! Auch angesichts der Dinge, die der Täter angeblich vorher online von sich gelassen hat. Der Ort des Verbrechens suggeriert auch Frauenhass/Misogynie des Täters.
Alles Informationen, die wichtig sind – denn meiner Meinung nach sind die Stereotype, die über asiatisch gelesene Frauen verbreitet werden, die Witze die über asiatisch gelesen Menschen gemacht werden und das Ausspielen von asiatisch gelesenen Menschen gegen andere BPoC, all das ist längst im deutschen Mainstream angekommen und es wird nicht erkannt, wie gefährlich und verletzend das ist.

Resignation macht sich bei mir breit, denn es sind so viele Fronten, wo man sein muss und es ist kräftezehrend. Zumal ich das Gefühl habe, zwei Personen sein zu müssen. Einmal für meine weissen Freunde, einmal für asiatisch gelesene Leute. Grabenkämpfe in der Community machen es einem auch nicht leichter.

Ich hatte seit langem wieder anxiety attacks – nach toxischen Erlebnissen und nun dieser Anschlag in Atlanta (die Korean-American Opfer waren für mich too close to home) haben mich fragen lassen, bin ich in einer weissen Gesellschaft überhaupt sicher? Und was macht das mit jemanden, mit mir, wenn ich mir diese Frage auch unbewusst immer im Kopf durchgehen lasse?

Wie soll das jetzt weitergehen? Wird sich überhaupt etwas verändern, an meiner Lage?
Ich muss sagen, dass ich dem Home Office unglaublich dankbar bin – seitdem ich meinen Arbeitsweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr habe, haben sich die rassistischen Attacken, die überwiegend Corona motiviert sind (“Du Virus”, “Hundef*esser” usw.) drastisch verringert- Ich sehe ja auch fast niemanden. Aber das ist ja keine Lösung für die Jahrzehnte, die ich noch in diesem Land leben möchte!

PoC leben in einer anderen Lebenswelt, in einer anderen Lebensrealität als weisse Menschen. Wenn ich morgens aufstehe und in den Spiegel schaue, ist meine Welt eine andere, als die einer weissen Frau.

Ich wünschte, Regierende und Medienanstalten in Deutschland würden dies begreifen und handeln.
Ein scheinbar harmloser Witz kann Jahre später zu einer Kugel werden.
Sprache ist eben eine Waffe und Atlanta schon neben dir.

Lesetipp: Twitter Thread von Liya Yu

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